Es gibt Dinge in Deutschland, die sind so unglaublich, dass sie einem echt die Socken ausziehen, so abstrus dass man eigentlich aus Mitleid nur noch wehleidig den Kopf schütteln kann. Und das beste: Es wundert, abgesehen von gefühlten 10%, eigentlich niemanden.
Worum geht’s? Diesmal um einen Artikel auf SPIEGEL Online einer namentlich nicht genannten deutschen Studentin. Jene Studentin, sie nennt sich “Julia”, glaubt der Menschheit mit ihrer anonymen Kampfschrift “Meine Armut kotzt mich an” einen Gefallen zu tun. Schon der Untertitel lässt Böses ahnen:
“Clubs, Shoppen, Sonntagsbrunch: Das Studentenleben kann so schön sein. Wenn das Geld reicht. Trotz zweier Jobs kann die Berliner Studentin Julia, 25, nicht mithalten. Ihr Kontostand sagt Njet – und bei Unterschichtenwitzen lacht sie nur gequält mit. Ein zorniger Zwischenruf.”
Kurzversion:
Julia erläutert ihre Ausgangslage, dass Sie Ihrer Mutter (Hartz-IV-Empfängerin) das Kindergeld spenden muss damit sie über die Runden kommt und dass ihr Vater, ausgebüchst und untergetaucht, ihr keinen Unterhalt zahlt. Der Leser nickt, “böser Vater, böser Staat”. So einfach ist die Welt. Dass die Autorin vor jenem Hintergrund nicht als Motivationstrainerin arbeiten sollte erscheint logisch. Aber jetzt kommt’s:
Im Prinzip stellt sie sich so dar als würde sie am Existenzminimum rumkrebsen, dass es ihr peinlich ist, zur Unterschicht zu gehören. Dass sie versucht ihr Leben zu verstecken. Existenzminimum? Unterschicht? “Moment mal”, denkt sich der verwirrte Leser, denn in gleichem Atemzug fallen auch folgende Dinge, die nicht so ganz ins Bild der Unterschicht passen.
- Julia geht abends aus, ordert “locker wie gewohnt zwei Wodka-Kirsch”
- Julia geht “bei Aldi und Netto einkaufen, viele Produkte von Plus und Lidl sind einfach zu teuer”
- Die Einnahmen ihres Minijobs gehen für die 300 Euro Miete ihrer 32 Quadratmeter drauf
- Ihre “Klamotten sind fast alle markenlos. Obwohl ich gern Adidas, Bench und Diesel bei mir im Schrank hängen hätte”
- Julia würde viel lieber ihre “Neigungen ausleben” und sich “von dem ganzen Arbeits- und Sozialstress mal erholen, eine Woche Urlaub machen. Keine Billig-Pauschaltour, sondern vielleicht nach Skandinavien, Wellness, Sauna und so weiter. Ohne dabei auf den Preis schauen zu müssen.”
- Beim Zahnarzt hat Julia fast 400 Euro für eine Krone bezahlen müssen – ein Monat Arbeit.
- Ikea kann Julia schon “lange nicht mehr ertragen”
Sich vor dem Hintergrund als Unterschicht zu sehen verdient wirklich Respekt (”Ich versuche es bloß zu verstecken. Es ist mir peinlich!”). “Existenzminimum klingt anders” könnte man jetzt denken, klingt es doch eher nach normalem Studentenleben. Die Frage was kostenloses Studium eigentlich für ein Luxus ist (und vor allem was für eine Investition, die ihr (bei korrekter Anwendung) später viel Geld bescheren wird), hat sich Julia wohl noch nicht gestellt. Aber natürlich wettert sie gegen den Staat, beschwert sich über das abgestellte Bafög.
Wenn man eins der zentralen Probleme in Deutschland aufzeigen möchte legt man am Besten jenen Artikel vor. Man würde wohl als Feedback bekommen welch sensationelle Studienbedingungen Deutschland doch bietet, dass man in Deutschland als Student eine 32qm-Wohnung mit IKEA Möbeln beziehen kann und nebenbei noch abends ausgehen kann. Dass sich aber darüber jemand derart beschwert, das würde, außer in Deutschland, wohl niemand verstehen.
Entsprechend fielen natürlich auch die Kommentare im SPIEGEL Online Forum aus. Mein persönliches Highlight:
“In meiner Studienzeit hatten die meisten meiner Freunde garantiert keine Wohnung mit 32m2 für 300 Euro und zwei Wodka-Kirsch hätten wohl fasten in der nächsten Woche zur folge gehabt. Spaß hatten wir trotzdem jede Menge mit den richtigen Freunden müssen es keine Clubs mit 20 Euro Eintritt sein und Sonntags Brunchen in der WG macht jede menge Spaß und ist nicht teuer. Auch Urlaub kann man günstig machen, aber sicher ist dass dann kein Wellnessurlaub für gestresste Hausfrauen.
Also heul nicht, vielen andern gehts genauso und das is gut so. Wenn du ohne Geld mit deinen Freunden keinen Spaß hast bist du mit den falschen Leuten unterwegs.”
Oder noch besser:
“Ich glaube nicht, dass nur ein Staat auf dieser Welt eine Spassgarantie in seiner Verfassung stehen hat.”
Ich kann mich nur anschließen. Oder es formulieren wie man in meiner Heimat dazu sagen würde: “Ey, die Alte hat doch ne Schraube locker”. ;)