Seit Online-Dienste es ihren Lesern erlauben, unmittelbar Kommentare zu einzelnen Artikeln zu verfassen, habe ich mich mehr über diese Funktion geärgert, als dass ich einen Mehrwert ausmachen konnte.Jeder Eintrag in einem der meinungsstärkeren Blogs zieht sofort eine Flut marktschreierischer Antworten nach sich. Ein Austausch der Meinungen ist dabei fast nie zu erkennen — meistens wird hemmungslos draufgeschlagen, unter kryptischem Synonym und deftig aus der eigenen ideologischen Nische heraus. Kurz, die “Kommentar”-Funktion ist die Domäne der hasserfüllten Selbstverliebten, der paranoiden Stalker, der ahnungslosen Besserwisser.
So jedenfalls dachte ich bisher. Doch es gibt Ausnahmen.
Mit Sybille Berg bietet ZEITonline mittlerweile die zweite Reisekolumnistin auf, deren Texte so sorgfältig deutsche Vorurteile bedienen, dass es einem die Sprache verschlägt (die erste ist Eva Schweitzer mit ihrer New York-Kolumne).
Frau Berg besucht also Shanghai. Freilich ist es ihr nicht so ernst damit, gleich in der Überschrift (”Shanghai ist hip”) und in den ersten Absätzen ist sie sorgfältig um ironische Distanz bemüht.
Shanghai ist ja sehr hip im Moment. Jeder, der etwas auf sich hält, weiß von tollen Hochhäusern, Fortschritt und alten Opiumpalästen zu berichten.
Und wie unangenehm! Da hat sie es gerade geschafft, dem heimatlichen Thüringen in Richtung Schweiz zu entkommen, und dann so was.
Das war die gute alte DDR, wie ich sie kannte und schon damals nicht mochte. Hässlichkeit, unmenschlich in den Himmel getürmt.
Und die Menschen erst! So ganz anders halt, als sie es aus ihrem steinreichen Zwergstaat kennt. Sybille hat gleich alles durchschaut, die Schlitzaugen, das Sytem, und überhaupt (und das alles, ohne ein Wort Mandarin zu sprechen!).
Gemeinsam formen kommunistischer Drill und buddhistische Reinkarnationslehre Menschen, denen alles egal ist. Vor allem andere Menschen.
Und die Ausländer erst:
Zwischen den Chinesen torkelt die unangenehmste Sorte westlicher Geschäftemacher. Die Leute, die man morgens in Billigfliegern sitzen sieht, mit verwaschenen Anzügen und großen Aktenkoffern. Mal eben schnell Geld machen, egal womit. Egal wo.
Verwaschene Anzüge, Billigflieger — da kann Frau Berg nur die Nase rümpfen. Sowas gibt es in der Schweiz aber nicht!
Schließlich wundert sie sich noch, warum man eigentlich nichts mehr von Falun Gong hört. Und wittert direkt die Schere im Kopf:
Liegt es daran, dass China so interessant für die Wirtschaft ist?
Ja, liegt es daran? Oder liegt es einfach daran, dass Sybille Berg über China nur das gelesen hat, was im Lonely Planet stand?
Bei so viel Albernheit viel mir kaum ein, was ich dazu noch schreiben könnte. Da kamen mir eben jene Zeit-Leser, von denen ich eben so abfällig gesprochen habe, gerade recht. Per “Kommentar”-Funktion haben sie nämlich viele kluge Antworten verfasst (hier lesen).
Allemal lesenswerter als Frau Berg Stück selbst. Ein “Karl Tilkorn” (vielleicht sogar kein Synonym?) fasst es zusammen:
Berichte von Touristenerlebnissen gibt es an vielen Stellen im Internet, von der ZEIT darf man mehr erwarten.