
Neulich in der ARD: Schon wieder eine dieser Polit-Talkshow (diesmal “Hart aber Fair”, wesentlich besser als Christiansen und um Längen besser als “Anne Will”, siehe dazu auch die letzte Folge über das gute alte Thema “Tempolimit in Deutschland”) in der mein Lieblings-Dampfplauderer Gregor Gysi mal wieder mit Leichtigkeit nicht nur die anwesende Gegnerschaft incl. dem kapitalistische Erzfeind Peer Steinbrück aussticht, sondern auch weite Teile der anwesenden Zuschauer zu fast schon sektenähnlichem Kopfnicken bewegt.
Es ist wirklich zum Heulen mit diesen Polit-Talkshows. Egal ob Will/Christiansen, Unter den Linden, Talk in Berlin oder Maischberger: In der Hitze des Gefechtes vom Gegner an eine Wand argumentiert, biegt man sich einfach die Fakten so zurecht wie man sie gerade für einen Befreiungsschlag braucht. Der Zuschauer wird’s schon nicht merken. Wer hat schon ständig die genauen Fakten zum Arbeitsmarkt, zur Finanz- und Geldpolitik oder zur Familienpolitik parat.
So auch letzten Mittwoch in der ARD: Argumentiert Peer Steinbrück also faktisch korrekt wie gut die Agenda 2010 aus arbeitsmarktpolitischer Sicht eigentlich war, kontert Gysy natürlich, dass auch “ohne die Reformen 1,3 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden wären und damit deutlich mehr als die derzeitigen 600.000″. Die Zuschauer nicken, Steinbrück steht als Depp der Nation da. Scheint plausibel, klingt logisch. Böse Agenda, böser Steinbrück. Ein paar Minuten später: Steinbrück argumentiert dass es um die Steuerlast in Deutschland im europäischen Vergleich doch gar nicht so schlecht bestellt ist und dass es doch eigentlich keinen Grund zur Klage gäbe. Gysi: Die neokonservative Politik der “Bonzen” hätte lediglich zur Folge, dass Deutschland laut OECD die niedrigste Steuer- und Abgabenquote innerhalb Europas hat. Die Leute nicken wieder. Stimmt schon. Recht hat er. Schlecht für Deutschland. Prost.
So oder ähnlich zieht es sich durch die ganze Runde: Steinbrück erntet heftige Kritik für die Verteidigung der Aussage des Bundesbankpräsidenten zur Inflationsrate. Gysi tritt natürlich nach und behauptet, dass wenn die Steuer- und Abgabenquote in Deutschland auf den europäischen Durchschnitt von 40 Prozent steigen würde, es dem Staatshaushalt jährliche Mehreinnahmen von 115 Milliarden Euro bescheren würde. Der Zuschauer nickt schon wieder. Muss ja stimmen, der Mann hat ja schließlich Ahnung.
Aber, und jetzt kommt der Punkt weswegen ich “Hart oder Fair” und meinen Lieblings-Talkmaster Frank Plasberg so liebe (und jenem Programmdirektor, der Frank Plasberg endlich aus Versenkung des Late-Night-WDR-Programms in die ARD Prime-Time gehoben hat die Füße küssen sollte: Schreit eine Aussage (wie z.B. die von Gysi) nach Humbuk à la “zurechtgebogenen Fakten”, hält Plasberg kurz ein und verweist auf den darauffolgenden Fakten-Check: Auf der Internetseite von “Hart aber Fair” kann man nämlich am Tag nach der Sendung besonders prekäre Fakten sauber recherchiert und von Experten (die diesen Titel zu Recht tragen), einfach nochmal nachlesen. Und die klingen dann, am Beispiel von den Aussagen von Herrn Gysi so:
- Winfried Fuest (zu Gysis Aussage zur Agenda 2010): “Das stimmt nicht. Wie aus einer aktuellen Studie [...] hervorgeht [...]“
- Friedrich Breyer (zu Gysis Aussage zur Abgabenpolitik): “Gysis Aussage ist falsch. Deutschland hatte nach Angaben der OECD 2006 eine Abgabenquote am Sozialprodukt von [...]“
- Winfried Fuest (zu Gysis Aussage zum OECD-Vergleich): “Hier irrt Herr Gysi. Entsprechend einer am 17. Oktober von der OECD veröffentlichten Studie [...]“
- Friedrich Breyer (zu Gysis Aussage zur Steuerquote): “Selbst wenn man die OECD-Zahlen heranzieht, nach denen [...], ist das eine typische Milchmädchenrechnung, die voraussetzt, dass [...]“
Keine weiteren Fragen.
Echt zum Heulen dass es in der wirklichen Welt keinen Fakten-Check gibt…